1,4 Millionen Legehennen werden jedes Jahr nach Ostern verbrannt

19.04.2007 | 1 Kommentar
“Branchenverband prüft Verarbeitung von ausgedienten Hühnern zu Wurstware

Die Schweizer Eierlieferan­ten haben ein Problem. Ihr Pro­dukt war diese Ostern so begehrt wie schon seit Jahren nicht mehr. Doch wenn nach den Feiertagen bis zum Sommer die Hälfte der Legehennen getötet wird, will niemand die Suppenhühner. Jähr­lich werden rund zwei Millionen Tiere ersetzt. “Wir schätzen, dass 70 Prozent als Brennstoff enden”, sagt Gallosuisse-Präsident Willi Lüchinger.

Jetzt will die Branchenorgani­sation das Problem angehen – sie hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt und sucht Wege, “die Verschwen­dung des hochwertigen Lebens­mittels zu beenden”. Denkbar wäre eine Verarbeitung zu Char­cuterie, etwa als Bratwürste oder Pastetenfüllung. Ruedi Zweifel, Direktor des Avi­forums und Leiter der Arbeits­gruppe, prüft auch “Schlachtmög­lichkeiten im grenznahen Aus­land”. Denn die Schlacht- und Verarbeitungskosten sind in den letzten Jahren laut Zweifel hor­rend gestiegen. Gespräche mit Schlachtereien und Verarbei­tungsbetrieben führten nicht zu besseren Konditionen. “Wir müs­sen jedem Huhn einen Franken an die Federn heften, damit sie je­mand abnimmt und schlachtet”, sagt Willi Lüchinger.

Kagfreiland arbeitet an einer neuen Bio-Linie
Die Branche ist besorgt. Das Schweizer Ei habe dank der tier­freundlichen Haltung der Hennen und dem grossen Anteil an Frei­landtieren ein sehr gutes Image. “Das wollen wir erhalten”, betont Zweifel. Bis zur Delegiertenver­sammlung der Gallosuisse im Sommer will er Lösungsvorschlä­ge unterbreiten. Mittlerweile haben auch die Schlachthöfe erkannt, dass sie handeln müssen. “Wir versuchen mit den Bouillonherstellern ins Geschäft zu kommen”, heisst es bei Bell. Knorr und die Migros­Lieferantin Haco verwenden kei­ne einheimischen Tiere. Knorr be­gründet dies mit dem Fehlen der Schweizer Lieferanten von ge­trocknetem Fleischgranulat. “Wir können kein Schweizer Fleisch verwenden, weil wir sonst nicht in die EU exportieren können”, er­klärt Haco-Geschäftsführer Mar­kus Kähr. Zwei Rezepturen, eine fürs In- und eine fürs Ausland, wären zu teuer. Seit 2006 haben die zwei grossen Schweizer Ge­flügelschlachthöfe jedoch die Zu­lassung für die Ausfuhr in die EU. Ob das dazu führt, dass künftig die Suppenhühner ihrem Namen wieder Ehre machen dürfen, ist fraglich. Die Hersteller argumen­tieren mit Qualität und EU-Nor­men, letztlich zählt der Preis. Für die Einfuhr von ausländischem Hühnergranulat ist nicht einmal ein Kontingent nötig.

Das Schicksal der Bio-Lege­hennen ist ebenfalls nicht gelöst. “Die Ernährungsgewohnheiten haben sich stark geändert”, stellt Bio-Suisse-Sprecherin Jacqueline Forster-Zigerli auch bei ihrer Kundschaft fest. Kagfreiland arbeitet seit kur­zem an einem Pilotprojekt. Ziel ist eine Bio-Linie, die in Läden und Restaurants erhältlich sein soll. Da Hühnerbrüstli kleiner und fester im Biss sind, könnte dieses Angebot geschnetzeltes Brust­fleisch, Hamburger, Fleischkäse, Bratwürste sowie Gehacktes um­fassen. Eierproduzent Othmar Hun­gerbühler hofft auch auf den Welt­markt. “Bisher gab es fast keinen Unterschied zwischen Hühner­und Pouletfleisch.” Doch nun steigen die Preise im Ausland ste­tig. Das Futter wird teurer, weil auf immer mehr Feldern Pflanzen für Bioenergie wachsen.”

Der anschliessende Kommentar hat zwar einige gute Punkte aber verpassst den Lösungsweg auch vollkommen:

Rettet das Suppenhuhn!
PETRA WESSALOWSKI über die Verbrennung von Legehennen und die Schuld der Produzenten
Der Erfolg der Schweizer Eierverkäufer hat eine hässliche Kehrseite. Jährlich werden über eine Million Legehennen als Abfall verbrannt – weil niemand mehr Suppen­hühner verwendet. Das ist ein Skandal und ethisch nicht zu rechtfertigen. Das Fleisch ist, richtig zubereitet, eine Deli­katesse.
Wenn die Branche die Schuld auf die veränderten Essgewohn­heiten und damit auf die Kon­sumenten schiebt, macht sie es sich zu einfach. Die Misere zeichnet sich seit Jahren ab, doch erst jetzt wird nach Lösungen gesucht. Die Produzenten haben zwar überaus er­folgreich das Schweizer Ei vermarktet, tier­freundlich produziert, dafür doppelt so teu­er wie das ausländische. Doch das Sup­penhuhn hatte keine Lobby. Beim Detail­listen sucht man vergeblich nach Aktionen. Die Schlachthöfe machten es sich ebenfalls einfach. Sie erhöhten die Schlachtgebühren statt Produkte anzubieten, die der Konsu­ment schnell zubereiten kann.
Lange Zeit ging die Rechnung für alle auf. In der Lebensmittelindustrie gehört die Vernichtung zum Ge­schäft. Statt die Jogurtmaschi­nen zwischen zwei Sorten zu reinigen, wird die Mischware weggeworfen. Bestenfalls wird sie einer Hilfsorganisation ab­gegeben. Laut Studien werden in westlichen Ländern 40 bis 50 Prozent der Lebensmittel vernichtet.
Doch nun ist das gute Image der Schwei­zer Eier in Gefahr. Die Branche muss rasch dafür sorgen, dass der Eiergenuss keinen schlechten Nachgeschmack hinterlässt.

(Quelle: Sonntagszeitung vom 8.4.2007, Autorin PETRA WESSALOWSKI )
“Das gute Image der Eier ist in Gefahr”

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Kategorie: Ethik, in den Medien

Kommentare (1)

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  1. Renate Kunz-Lippuner sagt:

    Wieso werden diese Suppenhühner nicht einfach normal geschlachtet, ausgenommen und tief gefroren und einfach preiswert an Zoos und Tierhaltungen für Raubtiere oder als Katzen- und Hundefutter auf den Markt gegeben? Wenn es schon nicht möglich ist damit irgendwo auf der Welt wo Hungersnot herrscht Hilfe zu leisten.

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